Die Kommunikationsstrategien der Konkreten Kunst

Forschungsauftrag ZHdK / civic city
Betreuer: Ruedi Baur, Clemens Bellut, Vera Kockot

Einführung

Die zu Beginn des 20. Jahrhunderts umfassende Neuorientierung der Kunst führte zu einer radikalen Absage an alle hergebrachten künstlerischen Ausdrucksformen. In Anlehnung an die Architekten der Klassischen Moderne die mit ihren lichten, geometrischen Gebäuden die klassische Architektursprache überwanden, wollten sich auch die Konkreten Künstler von jeder Tradition lösen und zu einer neuen Kunst gelangen, die keinerlei Bezug zur außerkünstlerischen Wirklichkeit und zur traditionellen Malerei besitzt. Theo van Doesburg ist als Begründer der Konkreten Kunst anzusehen. 1930 formulierte er in der Zeitschrift AC (art concret“ )die Kernideen dieser Kunst:

»Konkrete Malerei, nicht abstrakte, weil nichts konkreter, nichts wirklicher ist als eine Linie, eine Farbe, eine Fläche. Sind auf einer Leinwand eine Frau, ein Baum oder eine Kuh etwa konkrete Elemente? Nein. Eine Frau, ein Baum, eine Kuh sind konkret in der Natur, aber in der Malerei sind sie abstrakt, illusorisch, vage, spekulativ; eine Fläche hingegen ist eine Fläche, eine Linie eine Linie, nicht mehr und nicht weniger.«

Die vorliegende Arbeit versucht, neue Erkenntnisse zu gewinnen, wie die visuelle Kommunikation der Konkreten Kunst von Kontkreten Künstlern, ihren Ideen und Forderungen, ihren Grundlagen und Gesetzmäßigkeiten, beeinflusst wird. Wie nehmen die Beteiligten an diesem Kommunikationsprozess ihre Aufgabe als Absender wahr, in welchem Diskurs findet die Gestaltung der Kommunikationsmedien statt. Gibt es ein universales Prinzip, auf dessen Basis sich erfolgreiche Kommunikationsstrategien ableiten lassen? Ist dieses Prinzip universal anwendbar auf alle Bereiche der visuellen Kommunikation der Konkreten Kunst?

Im Hinblick auf die Umgestaltung und die resultierende Neugestaltung im Bereich Kunst und Leben, seit nunmehr fast einem Jahrhundert, lassen sich viele Parallelen zu der niederländischen Künstlergruppe De Stijl als auch zu russischen Konstruktivisten über das Bauhaus hin zu den »Konstruktiv-Konkreten« ziehen. Konzepte und Vorstellungen formten sich gegliedert in

  • formal-ästhetische,gestaltungspsychologische und
  • sozial-utopische Inhalte

Elementar wurde auch die Unterscheidung der Begriffe »Gestaltung« und »Konstruktion«. Die Bearbeitung des Manifestes der Gruppe »K« ergab, dass sich Gestaltung in der freien Kunst und Konstruktion auf angewandtes Schaffen beziehen lässt.

Kunst und Gestaltung

Friedrich Vordemberge-Gildewart war es auch, der als Mitglied der Hannoverschen Künstlervereinigung »ring neuer werbegestalter« im Jahr 1928 die Verbindung von freier und angewandter Kunst forderte. Künstler sollten gestaltend in den Alltag eingreifen und somit die Distanz zwischen Kunst und Leben aufheben. Die Avantgarde war der Auffassung, einer weit verbreiteten geschmacklichen Orientierungslosigkeit entgegentreten zu müssen. Dies sollte erreicht werden durch beispielhafte, neue und strenge Gestaltung auf diesem Gebiet. So glaubten sie, sich und ihre Typografie in den Dienst der Gesellschaft stellen zu können. Kennzeichnend für die Schaffensperiode der Mitglieder des »ring freier werbegestalter« ist die Zusammenstellung von Farben, Formen und Materialien zu einem harmonischen Ganzen. Der Grundsatz: »Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile« findet Anwendung. So geht die Betrachtung konkreter Kunstwerke über die rein optische Wahrnehmung hinaus. Erich Maria Remarque urteilt bereits 1924 im Vorwort der Ausstellung der Gruppe K:

»Die scheinber nüchternen Werke gewinnen, je länger man sie ansieht. Man entdeckt immer mehr in ihnen, sie werden immer voller, persönlicher und lebendiger. Eine ungemeine Beschwingtheit liegt in ihrer präzisen Exaktheit. Sie lassend der Phantasie weitesten Spielgraum, greifen nicht vor, drängen nichts auf, sie schwingen in sich selbst.

Der Begriff »Gestaltung« versehen mit einem Ausrufezeichen, kommt einer Aufforderung an die gesamte Künstlerschaft dieser Zeit gleich. So verkündet die Zeitschrift »G – Material zur elementaren Gestaltung« in ihrer ersten Ausgabe im Juli 1923: »Wir wenden uns nicht an Kunstliebhaber, sondern allgemein an Menschen, die Grundsätzliches lieben, in der Kunst, wie in allen Zusammenhängen des Lebens.

Dieser Satz hat an Allgemeingültigkeit nicht verloren, formuliert er doch die Kernaufgabe des Gestalters, Gebrauchsgrafikers, Kommunikationsdesigners. Jeder Gestaltungsprozess hat zur Aufgabe nicht Inhalte zu schaffen, sondern diese
zu transportieren. Nicht absenderorientiert sondern empfängerorientiert zu arbeiten, ist seine Aufgabe.

»In das bildhafte übersetzte Funktionen können und sollen zum Verständnis der Vorgänge, mit denen wir umgehen, beitragen. Besonders informierende Medien, wie auch Plakate, sind auf solch thematisch arbeitende Übertragung in das Bildhafte angewiesen. Die ästhetisch-formalen Ausdrucksmittel der künstlerischen Arbeit der Konkreten Kunst können diese Arbeit mit Erfolg unterstützen – sie aber nicht allein bewältigen. Das Arbeitsziel. mit Farbe und Form den unsichtbaren Vorgängen nachzuspüren, vermeidet, dass abstrakte Grafik in die bloße Dekoration abgleitet.«

Gestalten ist also keineswegs ein neutrales, kühles Handeln, sondern etwas Zeitgeistiges, etwas mit Maß und Sachverstand Gebildetes, das den Anforderungen der heutigen Zeit an Material und Form gerecht wird.

Der Kunsthistoriker Adolf Behne setzt sich in seinem 1925 erschienenen Buch »Von der Kunst zur Gestaltung« mit der Frage auseinander: »Wodurch wird der Anstreicher zum Malkünstler?« In dem Moment, da es dem Dilettanten gelinge, ein Neues aus der Farbe zu bilden, sei er nicht mehr Dilettant, sondern Künstler. Das neue Bild sei nun nicht in seinem Rahmen fest verankert, sondern »es will helfen, den Bau der Gesellschaft verbessern, es will mit seinen Mitteln teilnehmen an der großen Aufgabe, die vor uns allen steht, der Gestaltung unseres Lebens in all seinen Beziehungen.« Als Nicht-Künstler erkennt Behne, dass es sich bei dem neuen Bild, der neuen Kunst nicht lediglich um eine neue Stilrichtung handelte, sondern das Kunst einen neuen Stellenwert in Gesamtkomplex Leben und Umwelt einnimmt. Nicht mehr als dekoratives Einzelstück in den Rahmen verbannt, sondern als Mittel zur Neugestaltung der Umwelt, nimmt das Bild seine neue Funktion als Sinnbild des neuen Zeitalters wahr und verbindet Kunst und Leben. Hier lässt sich auch die Aufgabe des allmählich entstehenden Berufs des Gebrauchsgrafikers oder Werbegestalters verorten. Auch er hat zur Aufgabe, nicht bloße dekorative Medien zu gestalten, auch er soll seiner Aufgabe, an der (Mit-)Gestaltung unserer Umwelt, teil zu haben, gerecht werden.

Es dauerte dennoch Jahrzehnte, die bis heute diskutierte und auch allmählich akzeptierte Komplexität und vielfältige Kompetenz von Design kenntlich zu machen.
»Umso bedeutender sind deshalb das Verständnis gesellschaftlicher, wirtschaftlicher, technischer, ökologischer und kultureller Bedingungen und Möglichkeiten von Gestaltung und die radikale Reflexion weitergehender Kompetenzen von Design«

Bedingungen und Möglichkeiten von Gestaltung. An genau diesem Punkt nahm meine Idee zu dieser Arbeit Form an. Bereits im Studium ist das Konkrete allgegenwärtig. Sowohl in der Grundlagengestaltung, in der Harmonielehre oder in der Typografie findet die Auseinandersetzung mit dem Konstruktiven, Konkreten, dem Bauhaus, De Stijl, Kandinsky, Bill und vielen anderen statt. Aufgrund meiner längjährigen Tätigkeit als »Haus«-Grafikers des Museum für Konkrete Kunst Ingolstadt, wurde aus der bloßen theoretischen Auseinandersetzung eine aktive und intensive praktische Arbeit. Aufgrund der hier gesammelten Erfahrungen möchte ich die Kommunikationsstrategien der Konkreten Kunst untersuchen, dokumentieren und archivieren. Wie kommuniziert die Konkrete Kunst – welche Medien werden eingesetzt. Wer ist an der Gestaltung dieser Medien beteiligt? Haben sich diese Prozesse in den vergangenen Jahrzehnten mit dem Einsatz moderner Technologien verändert? Welche formalen Mittel werden eingesetzt? In welchem Diskurs oder gar Interessenskonflikt begeben sich die an der Gestaltung der Kommunikationsmedien beteiligten?

Es folgte die Frage nach der Art und Weise, wie ich dieses Projekt realisieren kann. Da ich auch nicht im Detail einschätzen konnte, was mich erwartet, habe ich mich für die qualitative Forschung entschieden, da diese mir im Verlauf des Forschungsprozesses erlaubt einzugreifen, das Untersuchungsziel flexibler zu halten und überraschendes oder nicht vorhersehbares entsprechend zu berücksichtigen. In der Einleitung habe ich nicht die Geschichte der Konkreten Kunst zum Inhalt werden lassen, sondern die Teilbereiche oder auch Aktionsbereiche zwischen Konstruktiv-Konkretem zum Design, welche die Grundlagen des Berufsbildes »Gestalter« aufzeigen wollen.

Die Tätigkeit vieler Konkreter Künstler als Gestalter – hier sei die federführende »Schweizer Grafik« (Max Bill, Anton Stankowski) genannt – aber auch als Lehrende an verschiedenen Institutionen, wie dem Bauhaus oder der Hochschule für Gestaltung, hat sie zu Vorreitern und Wegbereitern werden lassen. Die Gebrauchsgrafik lernte von der Kunst, ohne sie jedoch zu kopieren. Obwohl die konkrete Kunst mit einfachsten Gestaltungsmitteln, einer Linie, Farbe oder Fläche arbeitet, ist sie dennoch eine nicht angekommene Kunst. Keine universelle Kunst. Kein Selbstverständnis unserer Gesellschaft und kein allgemeingültiges Ausdrucksmittel unserer Zeit.

Von Anbeginn hat die Konkrete Kunst sehr stark über Manifeste kommuniziert. Doch auch Manifeste überholen sich mit jeder weiteren Entwicklung der Konkreten Kunst.
Unterschiedliche Kunstbewegungen und Teilbereiche können einem Manifest über Jahrzehnte keine Allgemeingültigkeit verleihen. Eine Vielzahl Konkreter Künstler geht sogar soweit ihre Kunst als die am wenigsten alltagstaugliche Kunst zu bezeichnen, deren Botschaft vom Künstler zwar ausgeht, die aber keineswegs einer Reaktion bedingt. Prof. Ben Muthofer bezeichnet dies als den »Reichtum der Stille«.

Die Vermittlung konkreter Inhalte durch Medien steht vor der Aufgabe die Arbeit des Künstlers zu interpretieren, sinnvolle Zeichen für konkrete Begriffezu schaffen, um der Begriffsbedienung beim Betrachter behilflich zu sein und symbolisch komplexe Informationen schnell zu vermitteln.

Von den (Kommunikations-)Medien zum Plakat

Zu den seit Jahrzehnten verwendeten Medien zählen das Plakat, die Einladung, der Katalog, Anzeigen sowie der Informationsflyer. Weitere Informationsmedien wie das Internet, der Newsletter via E-Mail, Podcasts oder facebook werden vermehrt genutzt.
Bei meinen Recherchen war absehbar, welche Rolle das Plakat einnehmen könnte, dennoch ist erst zu Beginn dieser Arbeit der wahre Umfang zu ermessen.
Das am wirkungsvollsten und mengenmäßig am häufigsten eingesetzte Medium ist das Plakat. Jede Einzel- oder Gruppenausstellung, jede größere Galerie nutzt das Plakat als Kommunikationsmedium. Das Plakat nimmt eine Sonderstellung ein, seine Rolle werde ich detaillierter beschreiben, denn das Plakat wird in dieser Arbeit die Rolle des primär untersuchten Mediums einnehmen.

Besonders interessant ist der in den letzten Jahrzehnten zu verzeichnende Wechsel vom Künstlerplakat zum Kunstplakat. Der Künstler in der Rolle des Gestalters, mit der Aufgabe seine Arbeit in eine präzise, plakative, informationsträchtige Form zu bringen.
Der Gestalter in seiner Rolle des Interpreten zwischen dem Kunsthistoriker und dem Künstler und die draus resultierende Diskurse im Gestaltungsprozess. Allein das konkrete Plakat zu untersuchen ist eine Arbeit die einige Jahre in Anspruch nehmen wird, da auch nach Abschluss dieser Arbeit, das Ziel nicht erreicht sein wird. Daher lautet die Zielsetzung dieser Arbeit, die Basis zu schaffen, um in Zukunft darauf aufbauend weiterarbeiten zu können.

Fazit
Zielsetzung ist die Erarbeitung eines Archivs konkreter Medien in Form einer schriftlichen und digitalen Dokumentation, die für Kunsthistoriker wie für Gestalter und Studenten Einblicke und Rückschlüsse liefern kann. Welche Kommunikationsstrategien nutzte die Konkrete Kunst in den vergangenen Jahrzehnten? Welche Auswirkungen hatten diese unterschiedlichen Strategien? Welche Tendenzen lassen sich eventuell ableiten oder lassen sich gar Rückschlüsse ziehen aus der Art der Kommunikation und ihrem Grad an Popularität? Lassen sich erfolgreich eingesetzte Kommunikationsmittel heute nutzen, um der Konkreten Kunst zu mehr Aufmerksamkeit, Akzeptanz und Popularität zu verhelfen?